Thema Essstörung.

Ich will dir in diesem Post nicht alle einzelnen Essstörungen und Ihre Eigenschaften aufzählen. Will dir nicht erzählen, wie schädlich diese sind. Das sollte wohl jedem klar sein.

Ich schreibe hier die Gedanken, die Hintergründe und das Drumherum auf. Wenn man so eine Essstörung erlebt.

Der Anfang scheint harmlos. Ist es meist auch. Es beginnt mit dem Tracken - dem Dokumentieren und Abwiegen von Lebensmitteln. Zuerst nur grob. Aber man will es ja genau machen. Also wird jedes Salatblatt, jeder Tropfen Eistee und auch jedes Gramm Gurke abgewogen. Selbstverständlich genauestens dokumentiert. Geschälte Gurke eingeben, obwohl eine ungeschälte Gegessen wurde —> niemals!

Getragen habe ich eine Fitness Uhr. Diese zeichnet den Kalorienverbrauch auf. Jetzt bin ich schlauer und weiß, das man diesen auf keinsten Fall fixieren sollte. Nun ja, später ist man schlauer.

Zurück zum Thema. Ich nahm nur so viele Kalorien zu mir, dass ich immer noch weit unter meinen angezeigten Kalorienverbrauch war. Bloß kein Risiko eingehen, ein Tag vielleicht auf Erhalt, geschweige denn im Überschuss zu Essen!

Mein Essen gestaltete ich sehr kohlenhydratarm. Nicht absichtlich. Denn ich kannte mich kaum aus. Das einzige was mir wichtig war, waren wenig Kalorien. Daher landeten auch Lebensmittel mit einem hohen Fettanteil nie auf meinem Teller. Egal, ob „gute“ oder „schlechte“ Fette. Die hatten ja schließlich viel Kalorien. Das jedoch auch Fette essenziell, also lebensnotwendig für unseren Körper sind, war mir 1. nicht wirklich bewusst und 2. auch ehrlich gesagt nicht so wichtig. 

Aber auf Eiweiß achtete ich. Das wusste ich. Das aber Carbs und Fette Energie liefern, daran dachte ich nicht. Ich war schlapp. Dachte mir aber nichts, wollte einfach nicht mehr Kalorien essen als die Uhr anzeigte.

Schokolade, Weißbrot oder irgendwelche Lebensmittel mit hohen Fettgehalt waren unvorstellbar zu essen. „Die sind Gift für den Körper“ dachte ich. Wenn es mal nicht anders ging, wurde dafür halt mehr Cardio gemacht.

Meine Tage sahen täglichen so ziemlich gleich aus. Spaziergänge, Krafttraining und anschließend 1h Hit Cardio. Selbstverständlich neben einer 40h Arbeitswoche im Büro.

Im Durchschnitt habe ich ca. 1300 Kalorien gegessen. In meinem Kopf war mir das zu viel. Die größte Angst war im Überschuss zu essen. Bzw. Einmal nicht genau in die App eingeben zu können, was ich an dem Tag gegessen bzw. Getrunken hatte.

Wenn mir jemand aus meinem Salat eine Tomate „klaute“, wurde dies sofort in der App abgeändert.

Meine Gedanken drehten sich Tag ein, Tag aus nur um das Essen. Was ich als nächstes essen könnte. Was noch in die Kalorien passt. Meine Beziehung litt stark darunter. Konnte kein normales Gespräch mehr führen, da ich ständig an das Essen dachte. Mal abgesehen davon, dass die Lust auf einen Ausflug oder auch auf körperliche Nähe so ziemlich auf 0 sank.

Die Beziehung zerbrach.  Aber nun hatte ich mehr Zeit, mich auf den Sport und auf das Essen zu konzentrieren. Niemand, der mir mehr hinein redete. Das war mir zu dieser Zeit das Wichtigste.

Gewogen habe ich mich nicht. Einen Coach oder einen Ernährungsplan hatte ich nicht. Niemand, der mich auf den Boden der Tatsachen zurückholte. Mir einen A**tritt gab. Mein Wissen war zu gering. Ich war in einem Tunnel und ließ mir nichts sagen. Ich alleine, wollte mein Ding durchziehen.

Mir war nicht bewusst, dass ich Muskeln verlor, da auf eine zu lange Zeit einfach zu wenig Energie und Eiweiß zugenommen wurde. Aber ganz ehrlich. Es war mir egal. Ich wollte einfach nur abnehmen, fit sein. Endlich einen Sixpack haben. Egal wie viel Sport ich machte, ich hatte Angst es sei zu wenig. Hatte Angst, nicht genug zu sein. Daher wollte ich noch besser, noch sportlicher aussehen. Es war nie genug. Ich sah nicht, dass ich immer weiter abnahm. Das Spiegelbild nimmt man anders war. Das Spiegelbild ändert sich. Aber in deinem Kopf bleibt es gleich.

Nach ein paar Komplimenten, dass man ich ja so viel abgenommen hatte, wollte ich nur noch weiter machen. Aber die Frage, ob ich wirklich noch mehr abnehmen wollte, ignorierte ich gekonnt. Was wissen die schon ?

Ich überlegte, auf die Bühne zu gehen. Mir hatten es ein paar Leute gesagt. Ich suchte mir einen Coach und alles wurde gut. Ich lernte, dass ich auch mit höheren Kalorien, eine gute und sportliche Figur haben konnte. Sogar noch besser. Denn ich sah fit aus. Nicht abgemagert.

Durch einen festen Ernährungsplan musste ich nicht mehr ständig über das Essen und die Kalorien nachdenken. Somit blieb wieder mehr Zeit für Freunde und Familie.

Nach den Wettkämpfen schaffte ich es sogar ohne Tracken eine gesunde Form zu halten, ohne krampfhaft alles abwiegen zu müssen. Auch mal Essen zu gehen und meine Gedanken etwas zu entspannen.

Bis diese Gedanken und der Zwang aufhören dauerte es ewig. So ganz los wird man das Berechnen bzw. Überdenken der Kalorien wohl nie. Aber in einem gewissen Stadium ist das ja auch gut. Man hat einen Überblick über die Makronährstoffe und die Kalorienzahl. Aber es darf nicht ins Zwanghafte führen. Das Leben soll immer noch schön sein. Es ist zum Leben da. Zum genießen.

 

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